Zertifikate sind Schuldverschreibungen, mit denen du an der Entwicklung von Aktien, Indizes, Rohstoffen oder Währungen teilnehmen kannst – mit oder ohne Hebel. Die Bandbreite reicht von konservativen Indexprodukten bis zu hochspekulativen Turbos.

Zertifikate auf einen Blick

Zertifikat-Typ Hebel Risiko Für wen?
Indexzertifikate 1:1 Niedrig-Mittel Langfristige Anleger
Bonuszertifikate ~1:1 Mittel Seitwärtsmärkte
Discountzertifikate ~1:1 Mittel Vorsichtige Anleger
Faktor-Zertifikate Fix (2x-10x) Hoch Kurzfrist-Trader
Turbo-Zertifikate Variabel (bis 100x) Sehr hoch Erfahrene Spekulanten
Optionsscheine Variabel Sehr hoch Fortgeschrittene

Indexzertifikate: Der einfache Einstieg

Indexzertifikate bilden einen Index wie den ATX, DAX oder S&P 500 im Verhältnis 1:1 ab. Steigt der Index um 5%, steigt auch dein Zertifikat um 5%.

Vorteile

  • Einfach: Kein komplizierter Hebel oder Knock-out
  • Transparent: Der Kurs entspricht dem Index
  • Diversifiziert: Du investierst in viele Aktien auf einmal
  • Günstig: Oft niedrigere Gebühren als aktive Fonds

Nachteile vs. ETFs

  • Emittentenrisiko: Zertifikate sind Schuldverschreibungen – wenn die Bank pleitegeht, ist dein Geld weg (Stichwort: Lehman Brothers 2008)
  • Keine Dividenden: Die meisten Indexzertifikate zahlen keine Dividenden aus
  • Weniger reguliert: ETFs haben strengere Auflagen

✅ Empfehlung: Für langfristige Anleger sind ETFs meist die bessere Wahl als Indexzertifikate – kein Emittentenrisiko, Dividenden inklusive, sparplanfähig.

Turbo-Zertifikate (Knock-Outs)

Turbo-Zertifikate – auch Knock-Outs, Mini-Futures oder Waves genannt – sind Hebelprodukte mit einer eingebauten Verlustschwelle.

So funktioniert ein Turbo

  • Du kaufst ein Zertifikat mit Basispreis und Knock-out-Schwelle
  • Der Hebel ergibt sich aus dem Abstand zum Basispreis
  • Erreicht der Kurs die Knock-out-Schwelle, verfällt das Zertifikat wertlos

Beispiel: Turbo-Long auf den DAX

Parameter Wert
DAX-Stand 18.000 Punkte
Basispreis 17.000 Punkte
Knock-out-Schwelle 17.100 Punkte
Zertifikat-Preis 10 € (= 18.000 - 17.000 / 100)
Hebel ~18x (= 18.000 / 1.000)

Szenario 1: DAX steigt auf 18.500 (+2,8%)
→ Zertifikat steigt auf 15 € (+50%) ✅

Szenario 2: DAX fällt auf 17.100 (-5%)
→ Knock-out erreicht → Zertifikat wertlos (-100%) ❌

⚠️ Risiko: Bei Turbo-Zertifikaten ist ein Totalverlust jederzeit möglich – auch über Nacht durch Gap-Openings. Der Hebel wirkt in beide Richtungen!

Turbo-Long vs. Turbo-Short

  • Turbo-Long: Du profitierst von steigenden Kursen
  • Turbo-Short: Du profitierst von fallenden Kursen

Faktor-Zertifikate

Faktor-Zertifikate haben einen fixen Hebel (z.B. 3x oder 5x), der täglich zurückgesetzt wird.

Vorteil

Kein Knock-out – das Zertifikat kann nicht plötzlich wertlos werden.

Nachteil: Pfadabhängigkeit

Durch das tägliche Zurücksetzen entsteht bei Seitwärtsbewegungen ein "Volatilitätsverlust":

Tag DAX Faktor 3x Long
Start 100 100 €
Tag 1: +10% 110 130 € (+30%)
Tag 2: -9,09% 100 94,55 € (-27,3%)

Der DAX steht wieder bei 100, aber das Faktor-Zertifikat hat 5,45% verloren! Deshalb sind Faktor-Zertifikate nur für kurzfristige Trades geeignet, nicht für Buy-and-Hold.

Wo kann ich Zertifikate handeln?

Diese österreichischen Broker bieten Zugang zu Zertifikaten:

Broker Zertifikate Handelsplätze Steuereinfach
Flatex ✅ Große Auswahl Direkthandel, Börsen ✅ Ja
DADAT ✅ Große Auswahl Direkthandel, Börsen ✅ Ja
Erste Bank ✅ Gut Wiener Börse, Xetra ✅ Ja
Trade Republic ⚠️ Eingeschränkt Nur ausgewählte ✅ Ja
Interactive Brokers ✅ Sehr groß Alle Börsen ❌ Nein

Zertifikate und Steuern

In Österreich unterliegen Zertifikate der Kapitalertragsteuer (KESt) von 27,5%:

  • Kursgewinne: 27,5% KESt beim Verkauf
  • Verluste: Können mit anderen Kapitalerträgen verrechnet werden
  • Steuereinfache Broker: KESt wird automatisch abgeführt

💡 Tipp: Bei Hebelzertifikaten können hohe Gewinne anfallen – und damit auch hohe Steuern. Ein steuereinfacher Broker nimmt dir die Arbeit ab.

Die Risiken verstehen

1. Emittentenrisiko

Zertifikate sind Schuldverschreibungen einer Bank. Geht die Bank pleite, ist dein Geld weg – auch wenn der Basiswert gestiegen ist. Das ist bei ETFs nicht der Fall.

2. Knock-out-Risiko (bei Turbos)

Ein kurzer Kurseinbruch – auch nur für Sekunden – kann zum Totalverlust führen. Besonders gefährlich: Gaps über Nacht oder am Wochenende.

3. Pfadabhängigkeit (bei Faktor-Zertifikaten)

Selbst wenn der Basiswert am Ende wieder am Ausgangspunkt steht, kannst du Verluste gemacht haben.

4. Kosten

Zertifikate haben oft versteckte Kosten: Spread, Finanzierungskosten, Rollkosten bei endlosen Produkten.

Wann sind Zertifikate sinnvoll?

✅ Sinnvoll für:

  • Kurzfristige Trades: Wenn du eine klare Marktmeinung hast
  • Absicherung: Short-Zertifikate können ein Depot absichern (Hedging)
  • Spezielle Strategien: Bonuszertifikate für Seitwärtsmärkte

❌ Nicht sinnvoll für:

  • Langfristigen Vermögensaufbau: Hier sind ETFs überlegen
  • Anfänger: Die Mechanismen sind komplex
  • Buy-and-Hold: Faktor-Zertifikate und Turbos sind für Kurzfrist gedacht

✅ Unsere Empfehlung: Für die allermeisten Privatanleger sind ETF-Sparpläne der bessere Weg zum Vermögensaufbau. Zertifikate eignen sich nur für erfahrene Anleger mit klarer Strategie und Risikobewusstsein.

Häufige Fragen

Wenn der Basiswert über Nacht oder am Wochenende die Knock-out-Schwelle erreicht (z.B. durch Gap-Opening), verfällt das Zertifikat wertlos. Du hast keine Möglichkeit, rechtzeitig zu verkaufen. Deshalb solltest du Turbo-Zertifikate nicht über längere Zeit halten.

Turbos haben einen linearen Hebel – der Preis bewegt sich direkt mit dem Basiswert. Optionsscheine haben einen nicht-linearen Hebel, der von Faktoren wie Restlaufzeit und Volatilität abhängt. Optionsscheine sind komplexer, haben aber keinen Knock-out.

Beide haben Vor- und Nachteile. Zertifikate werden an der Börse gehandelt und haben feste Bedingungen. CFDs sind flexibler, aber du handelst gegen den Broker. Bei beiden kannst du schnell viel Geld verlieren. Die Wahl hängt von deiner Strategie ab.

Ja, mit Short-Zertifikaten (Turbo-Short, Faktor-Short, Put-Optionsscheinen). Diese steigen, wenn der Basiswert fällt. Sie können auch zur Absicherung eines Depots verwendet werden.

Je höher der Hebel, desto näher liegt die Knock-out-Schwelle und desto schneller ist ein Totalverlust möglich. Für Einsteiger (falls überhaupt): Hebel unter 5x. Profis arbeiten oft mit Hebeln von 10-20x, aber nur mit striktem Risikomanagement.